09.10.2019
Parlamentarischer Abend: FREIE WÄHLER fordern mehr Wertschätzung fürs Krankenhauspersonal

Enders: Krankenpflege ist unverzichtbare Daseinsvorsorge – nicht allein auf Rentabilität setzen

München. Zu wenig Zeit für Patienten, kaum Pausen und ständiges Einspringen an freien Tagen: Das Krankenhauspersonal in Bayern klagt über wachsende Aufgabenverdichtung, zugleich ist der Arbeitsmarkt komplett leergefegt – was tun? Das fragten die FREIEN WÄHLER am Dienstag bei ihrem Parlamentarischen Abend »Wertschätzung – das Vitamin fürs Krankenhauspflegepersonal« im Maximilianeum.
 
Landtagsvizepräsident und Moderator Alexander Hold sagte vor rund 170 Gästen, gerade in der medizinischen Versorgung sei Wohnortnähe wichtig – »und eine schwarze Null durchaus möglich, wie in meiner Heimat der Klinikverbund Allgäu mit den Standorten Immenstadt, Oberstdorf, Sonthofen, Kempten sowie ab 2020 Ottobeuren und Mindelheim erfolgreich zeigt.« Doch die Zeiten, in denen noch ausreichend Zeit zum Gespräch mit den Patienten war, seien längst vorbei, so Hold.
 
Dies bestätigte die gesundheitspolitische Fraktionssprecherin Susann Enders. In der Politik müssten mehr Menschen mit Erfahrung am Krankenbett vertreten sein. »Krankenpflege ist unverzichtbare Daseinsvorsorge, deshalb darf es nicht mehr allein um Rentabilität gehen.« Sie habe es bereits erlebt, zehn Patienten gleichzeitig pflegen zu müssen, während ein weiterer im Sterben lag. Den habe sie in seinen letzten Lebensmomenten nicht alleinlassen wollen, sagte Enders: »Nur wer solche Ausnahmesituation kennt, kann den Pflegenotstand aus dem Landtag heraus gezielt bekämpfen.«
 
Anne Ertel, Pflegedirektorin der Krankenhaus GmbH Weilheim-Schongau, äußerte, gerade die junge Mitarbeitergeneration wisse heute sehr genau, was sie wolle – und was nicht. Bei bis zu 80.000 offenen Stellen sei jungen Krankenpflegern ein Wechsel daher leicht möglich und die Fluktuation entsprechend hoch. Deshalb sei eine leistungsgerechte Entlohnung wichtig, aber nicht das allein Entscheidende. Schon in den Schulen müsse der Krankenpflegeberuf in all seinen Facetten positiver vorgestellt werden.
 
Zwar gebe es an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau ausreichend neue Fachkräfte – doch die müssten erst einmal eingearbeitet werden, so OP-Schwester und Praxisanleiterin Cathleen Kinzel. Neben dieser Zusatzbelastung müsse sie ihren Hauptjob machen, darunter strapaziöse 24-Stunden-Dienste. Das gelinge ihr nur, weil sie Teil eines gut eingespielten Teams sei. Wer, wie Kinzel, den Nachwuchs anleite, Hygienebeauftragte sei und sich überdurchschnittlich engagiere, erwarte für diese Nebentätigkeiten eine angemessene zusätzliche Vergütung – das sei echte Wertschätzung.
 
Für eine leistungsgerechtere Entlohnung setzte sich auch Petra Reiter, Vertreterin der Katholischen-Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), ein. Denn spätestens ab einem Lebensalter von 50 Jahren spürten die Krankenhausbeschäftigten, wie stark sich die Arbeitsverdichtung auf ihre eigene Gesundheit auswirke. Noch vor rund 20 Jahren habe eine Nachtschicht im Wesentlichen aus regelmäßigen Rundgängen über die Stationen bestanden. Heute würden Patienten auch am Wochenende stationär aufgenommen und müssten für OPs am Montag fitgemacht werden – das sei eine enorme Zusatzbelastung. Viele Pflegekräfte seien vollkommen erschöpft – doch sie hätten Angst, sich ihrem Arbeitgeber zu offenbaren. Aus Angst vor Repressalien.
 
»Ist es allein damit getan, dass Pflegekräfte mehr Geld verdienen?«, fragte Alexander Hold den Ärztlichen Direktor des Krankenhauses Weilheim Prof. Dr. Andreas Knez. Für Knez liegt ein Teil der Lösung in besser planbaren Dienst- und Freizeiten. Angesichts des gravierenden Fachkräftemangels sei dies aktuell jedoch nicht erreichbar. Bayern bilde ausreichend Ärztinnen und Ärzte aus – nur fänden sich davon später zu wenige an den Krankenhäusern wieder. Gute Pflege koste Geld – deshalb führe nichts an einer Bezahlung und einem Personalschlüssel vorbei, wie er in Skandinavien selbstverständlich sei. Knez forderte außerdem mehr Unterstützung für kleinere Krankenhäuser in Bayern. Wie Hold betonte Knez die Bedeutung der Wohnortnähe von Kliniken.
 
In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum forderte einer der Gäste eine Pflegekammer für Bayern. Hierzu bekannte Enders, die FREIEN WÄHLER unterstützten Wünsche nach einer solchen starken und unabhängigen Arbeitnehmervertretung auch weiterhin. Es sei aber nicht gelungen, dieses wichtige politische Ziel im Koalitionsvertrag zu verankern. »Doch immerhin 40 Prozent der Inhalte dieses Vertrags bestehen aus Forderungen, die wir FREIE WÄHLER seit Jahrzehnten nachdrücklich vertreten. Deshalb ist es mir nicht bange, dass wir auch dieses wichtige Ziel mittelfristig erreichen werden.«